Das große Mineralwasser-Versprechen – natürlich, rein, gesund? 

Der Werbespot zeigt eine klare Bergquelle. Tropfen fallen in Zeitlupe. Eine Stimme spricht von Reinheit, jahrhundertealtem Gestein, mineralischem Reichtum. Schnitt: glückliche Familie am Frühstückstisch, dazu eine 1,5-Liter-PET-Flasche. Werbung wirkt. Die Deutschen trinken pro Kopf rund 130 Liter Mineralwasser im Jahr. 

Aus dem Wasserhahn käme das Gleiche. Nur günstiger. Mit weniger Klima-Belastung. Und in vielen Fällen mit weniger Mikroplastik. 

Zeit für einen nüchternen Blick auf das, was uns die Industrie als „natürlich“ und „rein“ verkauft. 

Was steckt rechtlich hinter dem Etikett „Mineralwasser“? 

In Deutschland geregelt durch die Mineral- und Tafelwasserverordnung. Wer „natürliches Mineralwasser“ auf die Flasche schreiben will, muss drei Dinge nachweisen: Das Wasser stammt aus einer unterirdischen Quelle, ist von ursprünglicher Reinheit und hat einen konstanten Mineralstoffgehalt. Außerdem braucht es eine amtliche Anerkennung. 

Klingt streng. Ist es im Vergleich zum Leitungswasser allerdings nicht. Für Trinkwasser gilt die Trinkwasserverordnung, und die ist deutlich umfangreicher: Sie schreibt Grenzwerte für rund 65 Stoffe vor. Die Mineral- und Tafelwasserverordnung kennt etwa 15 Limitierungen. Was nicht gemessen wird, kann nicht beanstandet werden – das gilt auch hier. 

Bedeutet konkret: Dein Leitungswasser wird strenger kontrolliert als die meisten abgefüllten Mineralwässer. Es muss bedenkenlos trinkbar sein, wo es aus dem Hahn kommt. Das ist gesetzlich garantiert. 

Mikroplastik – das Versprechen von „Reinheit“ auf dem Prüfstand 

2024 veröffentlichten Forscher:innen der Columbia University und der Rutgers University eine Studie, die für viel Aufsehen sorgte. Sie untersuchten drei gängige Mineralwassermarken mit einer neuen Mikroskoptechnik – und fanden im Schnitt rund 240.000 Plastikpartikel pro Liter. Davon waren 90 % Nanoplastik, also Teilchen unter 0,001 mm. So klein, dass sie Zellmembranen passieren können. 

Vier der Studien-Autor:innen sagten in der Folge öffentlich: Sie selbst trinken seither weniger Flaschenwasser. 

Bevor wir uns alle eine eigene Quelle in den Garten meißeln: Was die Studie sicher zeigt, ist die Belastung. Was sie nicht abschließend zeigt, ist, ob und wie stark Nanoplastik der Gesundheit schadet. Die Forschung läuft, erste Hinweise auf Zusammenhänge mit entzündlichen Darmerkrankungen gibt es. Belastbare Aussagen über langfristige Risiken stehen noch aus. 

Was wir aber sagen können: „Reinheit“, wie sie die Werbung verspricht, ist bei Wasser aus Plastikflaschen nicht ganz das, was viele Verbraucher:innen darunter verstehen. 

Glasflaschen sind doch besser, oder? 

Würde man meinen. Eine Studie der Universität Münster aus dem Jahr 2023 stellte überraschend etwas anderes fest: Mehrweg-Glasflaschen wiesen im Schnitt deutlich mehr Mikroplastikpartikel auf als Einweg-PET-Flaschen. In Einzelfällen das bis zu 146-Fache. 

Der Grund: Mehrweg-Glasflaschen werden bis zu 50 Mal wiederbefüllt. Bei jedem Reinigungsdurchgang wird die Flasche mechanisch belastet, Mikrokratzer entstehen, Reste von Verschlussdichtungen geraten ins Wasser. Frische PET-Flaschen mit glatter Innenwand haben dieses Problem in geringerem Ausmaß. 

Heißt das, PET ist die bessere Wahl? In Sachen Mikroplastik tendenziell ja. In Sachen Klima eindeutig nicht: PET-Einwegflaschen produzieren beim Lebenszyklus deutlich mehr CO₂ als Mehrwegglas oder gar Leitungswasser. Eine Studie des Umwelt-Zertifizierers GUTcert beziffert den Unterschied zwischen Mineralwasser und Leitungswasser auf das 586-Fache an CO₂-Emissionen. 

Es gibt also keine einfache Antwort. Aber es gibt eine offensichtliche: Wer Leitungswasser trinkt, hat weder ein Mikroplastik- noch ein Klimaproblem. 

Die Heilversprechen – was darf draufstehen, was nicht? 

„Belebt“, „aktiviert“, „basisch“, „mit positiver Energie“ – manche Werbeaussagen aus der Mineralwasser-Branche sind nicht weit von Esoterik entfernt. Die EU hat hier klare Regeln: Gesundheitsbezogene Angaben (Health Claims) müssen wissenschaftlich nachgewiesen und von der EFSA zugelassen sein. 

In der Praxis halten sich Hersteller mit konkreten Aussagen zurück und arbeiten lieber mit Andeutungen. Ein „belebendes Bergquellwasser“ verspricht streng genommen gar nichts. Es klingt nur so. Was juristisch gerade noch erlaubt ist, ist verbraucherrechtlich schwer zu fassen. Und genau dieser Graubereich wird gepflegt. 

Konkrete Aussagen wie „unterstützt das Immunsystem“ wären nur erlaubt, wenn das EFSA-zugelassen ist. Bei reinem Mineralwasser ist das fast nie der Fall. Wer das auf einem Etikett liest, sollte hellhörig werden. 

Der Preisvergleich – vom Wahnsinn der Verpackung 

Ein Liter Leitungswasser kostet in Deutschland im Durchschnitt etwa 0,2 Cent. Ein Liter abgefülltes Mineralwasser liegt zwischen 13 Cent (im Discounter) und 1,50 € (Markenwasser im Supermarkt). Faktor 65 bis 750. 

Bei vier Personen im Haushalt, die je zwei Liter Wasser am Tag trinken, sind das pro Jahr knapp 3.000 Liter. Aus der Leitung: rund 6 Euro. Aus der Flasche: 400 bis 4.500 Euro. Der Unterschied bezahlt einen Wassersprudler in der ersten Woche. 

Wann lohnt sich Mineralwasser? 

Wir sind nicht prinzipiell gegen Mineralwasser. Es gibt Situationen, in denen es Sinn ergibt: 

  • Du wohnst in einer Region mit auffälligem Trinkwasser. Sehr hartes Wasser, hoher Nitratgehalt, alte Bleirohre im Haus. Dann lohnt erst der Test (kostenlose Auskunft beim örtlichen Wasserwerk), dann die Entscheidung. 
  • Du brauchst spezifische Mineralien. Magnesiumreiche Wässer können bei Sportlern oder bei bestimmten Erkrankungen sinnvoll sein. Aber: Wer das wirklich braucht, weiß es. Die meisten brauchen es nicht. 
  • Du willst Sprudel. Verständlich. Lösung: Wassersprudler. Einmal investieren, jahrelang sprudeln, ohne Schleppen, ohne Pfand, ohne Mikroplastik-Diskussion. 
  • Du bist unterwegs und willst nicht aus dem Brunnen trinken. Auch fair. Eine wiederverwendbare Trinkflasche aus Edelstahl plus Leitungswasser löst das Problem. 

Was wir bei ZfMU dazu sagen 

Die Mineralwasser-Werbung verkauft eine Geschichte, die für die meisten Menschen in Deutschland schlicht unnötig ist. Unser Leitungswasser gehört zum bestkontrollierten der Welt. Es ist günstig, klimafreundlich und in den allermeisten Fällen genauso gesund wie das Wasser aus der Flasche – häufig sogar gesunder. 

Was wir uns wünschen würden: ehrlichere Werbeaussagen, eine Pflicht zur transparenten Kennzeichnung der Mikroplastikbelastung und eine echte politische Debatte über die Sinnhaftigkeit eines Marktes, der jährlich Millionen Tonnen CO₂ produziert, um etwas zu verkaufen, das wir kostenlos und sauber aus der Wand kriegen. 

Wenn du das nächste Mal vor dem Wasserregal stehst: Frag dich, warum du genau diese Flasche kaufst. Wenn die Antwort „Werbung“ ist, hast du eine Alternative zwei Schritte entfernt – im nächsten Wasserhahn. 

——— 

Quellen und weiterführende Informationen 

  • Mineral- und Tafelwasserverordnung (MTVO) in der aktuell geltenden Fassung 
  • Trinkwasserverordnung (TrinkwV) 2023 
  • Qian, N. et al. (2024): „Rapid single-particle chemical imaging of nanoplastics by SRS microscopy“, Proceedings of the National Academy of Sciences 
  • Universität Münster (2023): Studie zur Mikroplastik-Belastung von Mehrweg-Glasflaschen 
  • GUTcert (2020): Vergleich der CO₂-Emissionen Trinkwasser vs. Mineralwasser 
  • Öko-Test, Mineralwasser-Tests (verschiedene Jahrgänge) 
  • Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND): PFAS-Studie 2024 

Stand: Mai 2026. 

Schluss mit „irgendwie grün“: Die neuen Spielregeln für Öko-Werbung

„Nachhaltig“, „klimaneutral“, „öko“: Solche Versprechen standen bisher schnell auf der Verpackung. Seit Ende September müssen Unternehmen genau sagen, was dahintersteckt, und es belegen können.

Das Duschgel ist „nachhaltig“, der Sneaker „klimaneutral“, die Verpackung „recycelbar“. Umweltversprechen dieser Art waren lange schnell gedruckt und kaum überprüft. Wer wissen wollte, was genau gemeint ist, fand oft nichts. Damit ist jetzt Schluss.

Seit dem 27. September 2026 gelten in Deutschland deutlich strengere Regeln für Werbung mit ökologischen Vorzügen. Betroffen sind nicht nur Slogans, sondern auch Umweltsiegel und Angaben dazu, wie lange ein Produkt hält und ob es sich reparieren lässt.

Weiterlesen »

Nachhaltige Verpackungen: Der Weg zu weniger Plastikmüll

Kaffeebecher, Nudelschalen, Menüboxen – die Bilder kennt jeder: überfüllte Mülleimer vor Cafés, weggeworfene To-go-Verpackungen auf Parkbänken. Allein in Deutschland fallen laut Umweltbundesamt jährlich rund 770 Tonnen Verpackungsmüll durch Einwegverpackungen an.Die guten Neuigkeiten: Sowohl der Gesetzgeber als auch immer mehr Unternehmen nehmen das Problem ernst – und handeln. Doch leider längst nicht alle!

Weiterlesen »